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Unsichtbare Pflege – Young Carers

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Die Pflege ist gerade in aller Munde. Ein wichtiger Bereich ist jedoch fast unsichtbar, wenn sich nämlich Minderjährige um kranke Familienangehörige kümmern. Studien zufolge sind das in Deutschland etwa eine halbe Million Kinder und Jugendliche, geschätzt ein bis zwei Kinder pro Schulklasse. Auf Bremen umgerechnet betrifft das zwischen 1500 und 2500 Kinder und Jugendliche.

Was leisten Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige?

Die Pflegeaufgaben, die sie übernehmen reichen von unterstützenden Tätigkeiten (Haushalt, Betreuung jüngerer Geschwister, Einkäufe), über pflegerische (Medikamentenvergabe, Körperpflege), betreuende bis hin zu organisatorisch-administrativen Tätigkeiten. Die Tätigkeiten unterscheiden sich wenig von denen Erwachsener. Ob in Schule, Nachbarschaft oder bei professionell Pflegenden – oft bleibt die Pflege von Kindern und Jugendlichen unterm Radar. Auch vielen Kindern und Jugendlichen ist nicht bewusst, dass sie eine besondere Aufgabe wahrnehmen.

Überforderung oder „normale“ Hilfe in der Familie?

Bei den meisten Young Carers wächst der Umfang mit den Aufgaben und oft auch mit dem Alter an. Sind es zunächst unterstützende Tätigkeiten, etwa „kurz mal aufpassen“ solange die Hauptpflegeperson einkaufen ist, so können mit der Zeit pflegerische oder administrative Aufgaben dazu kommen. In den meisten Fällen wollen Kinder und Jugendliche einen Beitrag leisten, wollen ihren kranken Angehörigen – Eltern, Großeltern oder auch Geschwistern – helfen und andere Pflegepersonen in der Familie entlasten.

Natürlich kann die Pflege Angehöriger auch in vielerlei Hinsicht überfordernd und problematisch sein: wenn Kinder und Jugendliche die Pflege zu ihrer Hauptverantwortung machen, sich nicht mehr mit ihren Freund*innen treffen, ihre Hobbies einschränken oder sich ihre Belastungen auch im schulischen Alltag zeigen. Und: Viele Young Carers möchten über ihre Probleme nicht sprechen, sie fühlen sich deswegen umso mehr alleine gelassen.

Was also kann man tun? Young Carers brauchen eine Lobby!

Seit wenigen Jahren wächst das gesellschaftliche Bewusstsein zum Thema, immer mehr ehemalige Young Carers organisieren sich und machen auf ihre Lage aufmerksam. Und das ist dringend notwendig: Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter*innen, Pädagog*innen der offenen Jugendarbeit oder aus dem Jugendamt, aber auch Pflegekräfte und Fachleute aus Pflegediensten und Pflegestützpunkten müssen auf die Situation von Young Carers aufmerksam gemacht werden. Dass Minderjährige auch pflegende Angehörige sind, gehört in die Ausbildungen der genannten Fachleute. Hilfs- und Unterstützungsangebote wie Young-Carer-Gruppen, Angebote aus der Familienhilfe, Beratung für Betroffene und ganz wichtig: eine große Aufmerksamkeit und Angebote in Schulen sind zentrale Maßnahmen, die Young Carers helfen.

Was tun wir als SPD in Bremen?

Vor allem sehen wir uns zuständig dafür, mehr gesellschaftliches Bewusstsein für Young Carers zu schaffen. In einer ersten Initiative haben wir das Thema in der Bremischen Bürgerschaft bei einer Fragestunde thematisiert. Ganz aktuell haben wir eine öffentliche Veranstaltung mit einer Betroffenen, einer Leiterin der einzigen Bremer Selbsthilfegruppe für Young Carers und einer Wissenschaftlerin durchgeführt und damit viele Fachleute erreicht. In einem nächsten Schritt wollen wir ein lokales Netzwerk gründen, das sich gemeinsam für mehrgesellschaftliches Bewusstsein und mehr Sensibilisierung von Fachkräften aus Pflege, Sozial -und Jugendarbeit einsetzt.

Was ist uns besonders wichtig?

Young Carers brauchen mehr öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung für ihre Leistung! Nur so kann es gelingen, sie aus der Unsichtbarkeit zu holen. Nur dann werden sich betroffene Kinder und Jugendliche Außenstehenden anvertrauen und so mehr Unterstützung erfahren können.

Autor*in

Birgitt Pfeiffer ist 52 Jahre alt, Neustädterin und sozialpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion und Mitglied des SPD-Landesvorstands. Zuvor war sie viele Jahre Leiterin der Bremer Freiwilligen-Agentur. Alle Themen rund um gesellschaftliches Engagement bewegen sie auch heute noch. Neben ihrem Mandat arbeitet Birgitt Pfeiffer für die Deutsche KindergeldStiftung Bremen, die Projekte für Kinder und Jugendliche fördert, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens aufwachsen. So ganz privat ist sie stolze Besitzerin einer Fernbeziehung, engagierte Patchworkmutter, verfügt über lange Listen ungelesener Bücher sowie über viele gute Vorsätze in Sachen Sport.

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